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AllgemeinesBearbeiten

Sommersemester 2012

Systemtheorie begreift Gesellschaft als Gesamtheit aller Kommunikationsereignisse. Sie unterscheidet und bezeichnet verschiedene Varianten selbstreproduzierender sozialer Systeme und erklärt deren Veränderung als Evolutionsprozess.

Das Seminar konzentriert sich, nach einführenden Sitzungen, auf die Rolle der Funktionssysteme und die ihnen eigenen Bewertungscodes. Die Interdependenz der Systeme wird in ihrer Besonderheit und Ko-evolution genauer untersucht.

Abschließend wird die Leistungsfähigkeit systemtheoretischer Modellierung im Vergleich zu alternativen Gesellschaftstheorien eingeschätzt.

ProtokolleBearbeiten

30.04. - Kommunikation und BewusstseinBearbeiten

Was ist Kommunikation? Was ist Bewusstsein? Obwohl sich die beiden Texte, die im Folgenden besprochen werden, thematisch sonst kaum überschneiden, wird in beiden explizit darauf hingewiesen, dass Menschen nicht kommunizieren. Nur die Kommunikation kann kommunizieren. Für den Einstieg in eine Diskussion bieten sich auf dieser Grundlage verschiedene Fragen an, die zum Verständnis beider Texte geklärt werden sollen: Wie ist Kommunikation zu begreifen und was fällt alles (nicht) unter diesen Begriff? Inwiefern sind Personen involviert? Kai möchte näher auf die Trennung, die zwischen psychischem Bewusstseinund Kommunikation schon im Titel des Textes aufgemacht wird, eingehen. Pierres Vorschlag dazu wäre, die dem Bewusstseins- und dem Kommunikationssystem eigenen operativen Logiken genauer zu betrachten und daran Unterschiede festzumachen. Bewusstsein funktioniere über Wahrnehmung, Kommunikation über Folgekommunikation. Auf die Nachfrage, ob Bewusstseins- und Kommunikationssystem füreinander Umwelt sind,inwieweit diese Systeme miteinander verbunden werden können, und ob man Denken kommunizieren kann, antwortet MH ausführlich: Das Denken zu kommunizieren, wird - mehr oder weniger erfolgreich - ständig versucht. Eins-zueins lässt sich das Gedachte aber nicht als Kommunikation übertragen, denn was im operativ geschlossenen Bewusstsein vorgeht, bleibt dem Kommunikationssystem unbekannt. Ein Zusammenhang zwischen beiden besteht trotzdem: Bewusstsein und Kommunikation konditionieren sich gegenseitig und bieten einander Möglichkeiten z.B. der Strukturierung. Für Dinge wie das Bewusstsein braucht der Mensch eigentlich kein Wort - aber ohne diese Verbalisierung könnten wir die Tatsache, dass wir mit einem Bewusstsein operieren, gar nicht realisieren. Menschen können also nicht kommunizieren. Mein Einwand ist, dass es trotzdem relevant ist, von wem eine Kommunikation ausgeht, weil dieser Sachverhalt etwas daran ändert, wie und ob Anschlusskommunikation stattfindet. Mein Vorschlag ist zu sagen, dass zumindest die Mitteilung eben doch von einer Person ausgeht. MH: Die Form der Mitteilung kann auch Fragen wie, "Wo kommt die Kommunikation her?", "Was verbindet sich mit der Quelle dieser Kommunikation?" beinhalten. Entsprechend der Antworten wird unterschiedlich auf die Kommunikation reagiert und die Kommunikation dementsprechend fortgesetzt. Auch Pierre betont zum Ende des Seminars hin noch einmal, dass Menschen zwar in der Systemtheorie nicht vorgesehen sind, aber schon von Personen, die als "Adressen für Kommunikation" fungieren können, die Rede sein kann.

Mitteilung, Information, Verstehen Was genau aber eine Mitteilung überhaupt ist, und das Verhältnis zwischen ihr, der Information und dem Verstehen ist für uns erst einmal nur schwer zu begreifen. Martin glaubt, dadurch, dass man aus der Mitteilung Sinn erschließt, kommt die Information erst zustande. Der Einwand von Jülide ist, dass die Mitteilung nur Mittel ist, um die Information verständlich rüberzubringen. Anders als ursprünglich von einigen angenommen, handelt es sich bei diesen drei Komponenten der Kommunikation um eine Operation, die auf einen Zeitpunkt fällt: Im Verstehen wird rückwirkend der Unterschied zwischen Mitteilung und Information erschlossen und so die Kommunikation konstituiert. Wie genau verhalten sich Mitteilung und Information nun zueinander? "Klassische" Beispiele für Mitteilungsformen können Worte oder Briefe sein. Nur über Mitteilungsformen wie diesen kann Information übertragen werden, denn sie selbst hat keine Form. Man kann verschiedene Mitteilungsformen für dieselbe Information wählen und mit derselben Mitteilungsform unterschiedliche Informationen vermitteln. (Im Text "Was ist Kommunikation?" schreibt Luhmann davon, dass zur Mitteilung Gründe sowie "ein besonderer Entschluss erforderlich" (S. 115) sind. Meine Annahme war daraufhin, dass es sich bei ebendiesen Gründen um eine Art Mitteilungsform handelt. Hierbei geht es aber, wie MH erklärt, nicht um die tieferen Beweggründe, die Kommunikation veranlassen, sondern bloß um die Frage, warum gerade diese eine Form der Mitteilung gewählt wird und nicht irgendeine andere.) Auch Menschen können übrigens als eine Art Mitteilungsform fungieren. MH: "Wenn ich einenMenschen vor mir hab, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass da Information rausfließt, größer wie bei Steinen. Man geht schon davon aus, dass das so sein wird. Muss aber nicht so sein." Aber wieso gehen wir davon aus? Menschen sind selbst tausendfach codiert - z.B. nach Alter, Kleidung und ihren Bewegungen. Dadurch erschließen sich für andere Personen Erwartungen, was in einem bestimmten Kommunikationszusammenhang möglich ist.

Verstehen, Missverstehen, Nicht-Verstehen? Die Schwierigkeit des Themas liegt auch darin, dass wir über etwas reden, was uns eigentlich vertraut ist. Kommunikation ist nichts Fremdes, was sich so leicht mit Distanz betrachten lässt. Deshalb ist es für die Diskussion allgemein sinnvoll, Beispiele "am Rande des Verstehens" zu wählen, bei denen nicht sofort klar ist, ob es sich um Kommunikation handelt oder eben nicht. Hier gibt es drei Möglichkeiten: Man versteht die Kommunikation, man versteht sie falsch, oder gar nicht. Jülide nennt ein Beispiel für das Nicht-Verstehen, also der Situation, wenn z.B. gar nicht bemerkt wird, dass der Versuch zu kommunizieren unternommen wurde. Missverstehen hingegen ist wie das Verstehen auch eine Art des Kommunizierens. Kommunikation ist also immer dann Kommunikation, wenn man sie auch anders hätte verstehen können. Anders ausgedrückt: Kommunikation ist nicht einfach Dopplung der Wirklichkeit, sondern liefert die Möglichkeit der alternativen Bedeutung. Es geht darum, dass etwas in der Differenz zwischen Mitteilung und Information geschaffen wird, was richtig oder auch falsch sein kann. Die daran anschließende Kommunikation muss nun also so darauf zugreifen, dass sie die Kommunikation entweder als richtig oder falsch auffasst, oder eine Nachfrage stellt.

Selbstreferenz In den letzten Minuten des Seminars möchte Robert mit uns noch herausfinden, was Selbstreferenz (in der Systemtheorie) bedeutet und weshalb sie relevant ist. MH und Pierre liefern Erklärungsansätze: Selbstreferenz lässt sich nicht nur bei Kommunikationsströmen, sondern auch beim "Leben" und "Denken" finden - und an diesen Beispielen auch gut veranschaulichen. Biologische Systeme sind ein Beispiel für ein sich selbst reproduzierendes System, bei dem Selbstreferenz leicht beobachtet werden kann. Auch das Denken bleibt in seinem Denken geschlossen. Genau so bezieht sich auch Kommunikation immer auf Kommunikation: Indem man Wörter sagt oder schreibt, bezieht man sich auf Wörter -- in der Kommunikationsform wird auf eine Kommunikationsform selbstreferentiell Bezug genommen.

07.05. - System und UmweltBearbeiten

Die Gesellschaft der Gesellschaft Um einleitend das behandelte Werk besser einordnen zu können, begann MH anschließend mit einer inhaltlichen Einordnung des Werkes Niklas Luhmanns „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. Dabei werden die verschiedenen Sinndimensionen, systematisch Thema der Theorie. Nach einer Einleitung im ersten Kapitel werden im zweiten Kapitel Kommunikationsmedien behandelt, wobei dieser Ausschnitt also die soziale Sinndimension näher beleuchtet. Im dritten Kapitel wird die zeitliche Dimension beleuchtet, wenn es um die Evolution sozialer Systeme geht, die in irgendeiner Art und Weise ihre Elemente in der Zeit (re-)konstruieren und Anschluss ermöglichen oder nicht. Im daran anschließenden Kapitel „Differenzierung“ wird näher erläutert, wie sich sachliche Spezialisierungen aus dem Gesamtsystem Gesellschaft herausbilden kann (Ausdifferenzierung von Subsystemen).

Das Thema der Sitzung war das Kapitel 1, um die Bestimmungen von System und Umwelt für die weiteren Sitzungen zu klären. Ein anschließender „Panoramablick“ (MH) umriss die weiteren Unterkapitel, die notwendig sind, um anschließende Probleme einer Theorie sozialer System/Umwelt-Beziehungen zu behandeln. Anzumerken sei noch, dass Luhmann in mehreren Kapiteln bewusst gleiche Thematiken erneut aufgreift um z.B. neue Definitionen zu testen oder zu verknüpfen, die auf mehreren Ebenen (siehe oben) relevant sind. So kommen Begriffe wie Kommunikation, Sinn, Information uvm. in den unterschiedlichen Kapiteln immer wieder zur Sprache. Bevor die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Texten und der theoretischen Unterscheidung von System und Umwelt begonnen wurde, verdeutlichte MH, was unter dem wichtigen Begriff „Sinn“ zu verstehen ist. Sinn meint die Unterscheidung von Aktualität und Potentialität (was relevant für ein System ist und was relevant werden könnte).

Form/Medium, System/Umwelt, Information/Mitteilung Zu Beginn stellte sich die Frage, in welchen Formen sich ein System darstellt, wie also die Grenzziehung zur Umwelt zu denken sein kann. Das war eine Überleitung zur Unterscheidung zwischen Medium und Form, der einen Prozess oder eine Operation beschreiben soll. Eine Beobachtung unterscheidet ein Innen und ein Außen, bei dem sie nur auf der einen Seite operieren kann (alles andere ist ausgeschlossen bei der Unterscheidung und der Bezeichnung). Es liegt also eine geschlossene Form vor (Verweis auf den Haken von Spencer-Brown). MH betonte noch einmal, dass hierbei zu beachten sei, dass „es eigentlich System-Umwelt-Theorie“ heißen müsse, denn ein System stellt nichts Gegebenes dar, sondern kann nur in Differenz zur Umwelt bestehen.

Analog dazu ist auch die Diskussion zur Beobachtung angegangen worden, indem beschrieben wurde, inwieweit eine Beobachtung etwas beobachtet – also unterscheidet und bezeichnet – und dadurch auf der einen Seite (der beobachteten Seite) operiert. Dass auch eine Umkehrung möglich ist wurde unter dem Gesichtspunkt der Zeitlichkeit behandelt (es kann anschließend an eine Beobachtung diese wieder zum Thema gemacht werden) und dem der Beobachtung von Beobachtungen. Wichtig ist jedoch, wie Ivana hervorhob, dass eine Beobachtung als ein Prozess zu denken ist, der eine Form unterscheidet und bezeichnet (und dadurch keine schon vorhandenen „Dinge“ oder „Subjekte“ voraussetzt).

Münevver und Pierre wiesen im Laufe der Sitzung fragend und antwortend darauf hin, mit einem Verweis auf die Nicht-Reflexivität und die Textstelle, in der Luhmann den Begriff Derridas „differance“ kurz erläutert, inwiefern hier ein Primat der Beobachtung konstruiert wird. Mit dem Verweis auf den „Sündenfall“ der Erkenntnis (also der Unterscheidung und Bezeichnung), der allein während der Beobachtung selbst nicht beobachtet werden kann, wird hier deutlich, inwiefern die Operation des Unterscheidens und Bezeichnens selbst nicht-reflexiv behandelt werden kann. Die anschließende Beobachtung der Unterscheidung (geknüpft an Gedächtnisstrukturen), z.B. das Verstehen als Unterscheidung von Information und Mitteilung kann nicht mehr wiedererlebt, sondern nur erinnert werden. „Kreuzen ist kreativ“ (S. 61), darauf wies Luhmann schon hin.

Um die Unterscheidung zwischen System und Umwelt zu veranschaulichen, führt MH die Spielmetapher ein. Der Verweis auf Sinn (welche auch Bestandteil des ersten Kapitels sind), also etwas Relevantem, beschreibt, inwiefern von einem Innen und Außen die Rede sein kann. Etwas spielt mit (oder eine Rolle), anderes kann mit etwas nichts anfangen und Elemente haben keinen Sinn, befindet sich folglich außerhalb des Systems.

Robert verwies anschließend auf Elemente des Systems und fragte, inwiefern Systeme dazu in der Lage sind, die eigenen Elemente zu konstruieren und fortwährend (neu) zu verwenden. MH wies darauf hin, dass Elemente nichts Dinghaftes sein können, sondern viel eher als Unterscheidungen innerhalb des Systems dazu verwendet werden, weiter operieren zu können oder nicht. Der Verweis auf Informationen verdeutlichte, dass diese einen überraschenden Effekt haben um relevant zu sein und ein Element des Systems darstellen zu können. Wenn, auf diese Textstelle verweisen Münevvar und MH, Nicht-Wissen und Wissen innerhalb der Kommunikation produziert werden, muss davon ausgegangen werden, dass Kommunikationssysteme sich autopoietisch fortsetzen.

Grenzen des Systems Einen wichtigen Punkt möchte ich nicht unerwähnt lassen, obwohl ich nicht sicher bin, wie genau dieser Punkt im Protokoll noch gefasst werden kann. Schon in anderen Abschnitten der Sitzung haben mehrere Seminarteilnehmerinnen darauf verwiesen, dass z.B. Wissen/Nicht-Wissen innerhalb des Kommunikationssystems immer wieder konstituiert wird. Darüber hinaus ist für das „Innerhalb“ eines Systems für die Beobachtung besonders interessant, welche Grenzen sich zur Umwelt beobachten lassen. Zwar ist die Spielmetapher von MH schon genannt, allerdings möchte ich noch einmal darauf verweisen, inwiefern es unwahrscheinlich zu sein scheint, dass ein Element (Entscheidungen im System) des Systems zu einem System gehört. Über besondere Ereignisse in der Zeit lassen sich, so habe ich das zumindest verstanden, dann die Grenzen austesten oder beobachten, ob etwas z.B. noch zum Spiel gehört oder schon nicht mehr Teil dessen ist. So gesehen ist ein Relegationsspiel zwischen Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf ein möglicher Extremfall in einer Fußballsaison, der verdeutlichen kann, wie hier die Grenzen eines Spiels gezogen werden, sobald eine Mannschaft absteigen oder aufsteigen muss, die Liga wechselt oder nicht und nicht am System (?) der höchsten Fußballspielklasse teilnehmen kann.

Weltgesellschaft Wenn nun Kommunikation „die Operation ist, die Gesellschaft konstruiert“, so folgert MH, dass eigentlich nur die Rede von einer Weltgesellschaft die Rede sein könnte. Auf die Frage, wie sich diese Grenzen denken ließen, eröffnete Pierre die Antwortrunde mit dem Einwand, dass innerhalb einer Weltgesellschaft verschiedene Kommunikationssysteme ausdifferenziert sein können. Mit dem Verweis auf die Möglichkeit der relativ dynamischen Veränderung der Grenzen der Weltgesellschaft (pulsieren der Grenzen) wird beschrieben, inwiefern diese Netzwerke von Kommunikationen die Grenzen der Gesellschaft verschieben können.

Eine weitere Möglichkeit der Inklusion aller ausdifferenzierten Gesellschaften könnte darin bestehen, dass eine Kommunikation in z.B. westlichen Welten über diese stattfindet, auch wenn diese nicht unbedingt am großen Diskurs (z.B. innerhalb der Massenmedien) teilnehmen können.

Auf Ivanas Einwand, dass die Unterscheidung zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft, die häufig innerhalb der Soziologie Verwendung findet, nun nicht mehr greifen würde, führt MH an, dass diese Unterscheidung von Tönnies das Hauptaugenmerk auf den Begriff der Gemeinschaft als Grundlegendes des Sozialen leben. Doch die Umkehrung wäre genauso denkbar, zum Beispiel gesellschaftliche Institutionen. Daraus folgt nun, dass beide nur aufgrund unterschiedlicher Beobachtungen resultieren und eine Gewichtung bei Tönnies stattfand, die mittels der Theorie sozialer Systeme beobachtbar ist.

14.05. - symbolisch generalisierte KommunikationsmedienBearbeiten

Verbreitungsmedien Bevor wir mit dem Kapitel symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien begonnen haben, überflogen wir noch in Kürze die Zusammenfassung des vorherigen Kapitels zu den elektronischen Verbreitungsmedien beginnend ab Seite 311. Darin heißt es: „Die neuen Medien [Telekommunikationstechnologien, Fernsehen, Computer] (...) verschärfen die Diskrepanz zwischen möglicher und aktuell stattfindender Kommunikation, damit verschärfen sie das Selektionsproblem, worauf die Gesellschaft auf der einen Seite mit Organisierung, auf der anderen mit Individualisierung der Selektion reagiert.“ (311) In der Gesellschaft ist nach Luhmann somit nichts mehr nicht kommunizierbar, außer die Kommunikation von Aufrichtigkeit. „Denn wenn man nicht sagen kann, daß man nicht meint, was man sagt, weil man dann nicht wissen kann, daß andere nicht wissen können, was gemeint ist, wenn man sagt, daß man nicht meint, was man sagt, kann man auch nicht sagen, daß man meint, was man sagt, weil dies dann entweder eine überflüssige und verdächtige Verdoppelung ist oder die Negation einer ohnehin inkommunikablen Negation.“ (S.311) Man kann Aufrichtigkeit, etwas wirklich wirklich meinen, nicht direkt kommunizieren. Die Gesellschaft hat hierfür kommunikative Einrichtungen geschaffen, die dieses Paradox mit einer darauf abzielenden Unterscheidung ersetzen bzw. umgehen; symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien.

Zusammenfassend geht es um zwei wesentliche Punkte. Erstens ist durch die Evolution der Verbreitungsmedien ein „Trend von hierarchischer zu heterarchischer Ordnung“ festzustellen und zweitens ein „Verzicht auf räumliche Integration von gesellschaftlicher Operation“. (312) Die Gesellschaft kommuniziert prinzipiell heterarchisch. Sie konstruiert ihre Kommunikationswege, die Foren, Arenen oder sozialen Netzwerke der Kommunikation, selbst und orientiert sich dabei immer weniger an einer sogenannten hierarchischen Spitze. Die neuen elektronischen Medien potenzieren diesen Effekt zusätzlich auf ihre je eigene Art und Weise. Mit den Verbreitungsmedien, angefangen bei Schrift, wird eine »Öffentlichkeit« erzeugt, welche einen Zugang für beliebige Personen unabhängig von Zeit und Raum bereitstellt, und somit die Kontrolle über den Zugang erschwert und unwahrscheinlicher macht.Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien -

Erfolgsmedien - Funktion

Die Abschnitte zu den symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien umfassen knapp 80 Seiten. Sie behandeln Funktion, Differenzierung, Strukturen. Wir konzentrierten uns daher auf den ersten Abschnitt, auf die Funktion von Erfolgsmedien. Erfolgsmedien setzen „die Ja/Nein-Codierung von Sprache voraus und übernehmen die Funktion, die Annahme einer Kommunikation erwartbar zu machen in Fällen, in denen die Ablehnung wahrscheinlich ist.“ (316) Sie „transformieren auf wunderbare Weise NeinWahrscheinlichkeiten in Ja-Wahrscheinlichkeiten“. (320)

In Bezug auf die Kommunikation der Aufrichtigkeit bilden sie zudem funktionale Äquivalente zur Moral. „Moral sagt, was man tun soll und was nicht und insofern werden bestimmte Folgen erwartbar und andere nicht.“ (Hutter 11:14min) Während die Moral vereinheitlichte Plausibilitäten voraussetzt, motivieren sich Erfolgsmedien gegen diese gesetzten Plausibilitäten, splitten diese auf und können somit die Moral in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen ersetzen. In Bezug auf das was man tun soll und dessen Folgen beraten einem unterschiedliche Erfolgsmedien situationsspezifischer als die Moral, z.B. Geld - kann ich zahlen oder nicht; Macht - wem gehorche ich und wem nicht; Wahrheit - wie kann ich was wissen und was nicht; Liebe - wen heirate ich und wen nicht; Kunst – was finde ich schön und was hässlich. Man kann z.B. auch mit Macht Probleme lösen, die man mit Geld, Wahrheit, Kunst oder Liebe nicht gelöst hätte. Aber auch andersherum kann man z.B. mit Geld Probleme lösen, die man mit Macht, Wahrheit, Kunst oder Liebe nicht bewältigt hätte u.s.w..

Erfolgsmedien entstehen für problemspezifische Konstellationen. In komplexen Zusammenhängen, z.B ein Hausbau, können sie alle gleichzeitig von Nöten sein. Wahrheit – wie ist die Statik des Hauses? Kunst – nehme ich nun runde oder eckige Fenster? Geld – reicht der Kredit noch für einen Swimmingpool? Liebe – getrennte Schlafzimmer oder nicht? Macht – sind die Nachbarn nett?

Zeichen, Symbole, Generalisierung Nun schwenkt der Diskurs zu den Begriffen Zeichen, Symbole und Generalisierung um. Ein Zeichen ist eine markiert Unterscheidung, also eine bestimmte Form und bezeichnet die eigene Funktion reflexiv mit, es ist „die Darstellung der Einheit von Bezeichnendem und Bezeichnetem. Durch Symbolisierung wird also zum Ausdruck gebracht und dadurch kommunikativ behandelbar gemacht, daß in der Differenz eine Einheit liegt und daß das Getrennte zusammengehört“. (319) Z.B. ein Pfeil nach links als Zeichen deutet auf seine Funktion hin: links abbiegen. Ein Symbol hingegen meint das Bezeichnende als stellvertretend für das Bezeichnete. Ein Geldschein steht z.B. für einen monetären Wert, eine Theorie für eine mögliche Erklärung der Welt oder eine Waffe als Symbol von Herrschaft u.s.w. „Das Symbol ist eigentlich nichts, aber es wird etwas dadurch, dass es für etwas steht.“ (Hutter 20:08min) „Erfolgsmedien sind quasi so eine Art Anschlussfähigkeit par excellence. (Robert) Ja, dieses par excellence steht für das Generalisierte. (Hutter)“ (23:38min – vom Protokollant ge- bzw. verkürzt) Die Leistung der Erfolgsmedien ist eine „laufende Ermöglichung einer hoch-unwahrscheinlichen Kombination von Selektion und Motivation“. (320)


Auf den folgenden Seiten des Buches wird die spezifisch historische Evolution der Erfolgsmedien Wahrheit, Macht, Geld, Kunst und Liebe in der Weltgesellschaft, unter Berücksichtigung der sich ebenfalls entwickelnden Verbreitungsmedien beschrieben. Es lässt sich durchaus sagen, dass Erfolgsmedien sich nicht nur gegenseitigen beeinflussen, sondern sich auch gegenseitig bedingen. Die Tatsache, dass es Geld gibt, hängt davon ab, dass es auch andere Erfolgsmedien gibt, die es wiederum stützen.

Der zweite Abschnitt zur Differenzierung wurde schnell übergangen. Ein kleiner Hinweis zur Grafik auf Seite 336 erfolgte, die die Differenz von Erleben und Handeln zwischen Ego und Alter verschiedenen Erfolgsmedien zuweist; sie bietet einen kleinen, aber auch diffusen Überblick über Luhmanns Verständnis von Erfolgsmedien. Ein weiterer Hinweis erfolgt auf Seite 358, dort steht, dass Erfolgsmedien bzw. Medien im Allgemeinen anspruchslose Sonderleistungen ad hoc erbringen, sonst jedoch bis zum Gebrauch brach liegen. Luhmann spricht von Entfaltung und Differenzierung der Kommunikationsmedien.

Struktur, Leitdifferenz, Codes Der Abschnitt zu den Strukturen der Erfolgsmedien ab Seite 359 ist in neun Punkte untergliedert. Hier werden die Gesichtspunkte für den Vergleich der Erfolgsmedien miteinander herausgearbeitet. Der erste Punkt besagt, dass symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien neben der vorausgesetzten Ja/Nein-Codierung der Sprache einen weiteren einheitlichen Zentralcode, einen Präferenzcode benötigen. Dieser dient als binäre Leitreferenz und führt in ein hartes Entweder/Oder über. Der Code negiert nicht einfach, er verweist nur auf die Vorliebe des Mediums, bestimmte Kommunikationen anzunehmen. Patrick fügt hinzu, dass ein binärer Code die Komplexität extrem reduziert und dieser somit eine höhere Wahrscheinlichkeit, fast schon eine Eindeutigkeit des Anschlusses an weitere Kommunikationen ermöglicht. Durch binäre Codierungen entstehen Binnenunterscheidungen, wie z.B. in wahr/unwahr in der Wissenschaft oder haben/nichthaben und zahlen/nicht-zahlen in der Wirtschaft. „In der weiteren Kommunikation kann man sich zwischen den beiden Seiten der Unterscheidung hin und her bewegen und bleibt innerhalb der Codierung.“ (Hutter 58:55min) Dieses Kreuzen der inneren Grenze des Codes schafft eine eng gesteuerte Kommunikation, eine Sonderwelt, in der man sich bewegen kann. Dadurch braucht eine spezifische Kommunikation sich nicht mehr auf den Gesamtbereich der Kommunikationsmöglichkeiten einlassen. Ein Unternehmer braucht sich nur noch auf Preisinformationen konzentrieren, ohne z.B. Probleme mit der Moral zu bekommen. Viel schlimmer noch, diese Sonderwelt entlastet den Unternehmer von moralischen Konsequenzen. Geiz ist geil. Das Medium wird zur Weltkonstruktion eingesetzt, Wissenschaftler würden gerne alles wissenschaftlich kommunizieren, Käufer und Verkäufer hingegen wirtschaftlich.

Durch das Kreuzen kann der Code selbst jene Objekt der Umwelt in die Kommunikationsweise des Systems überführen, welche offensichtlich nicht dazu gedacht waren, so kommuniziert zu werden. In diesem Sinne: Was kostet die Welt? "In dem Maße, in dem der Übergang zum anderen Wert erleichtert wird, entsteht eine {C Kontextfreiheit der Operationen und damit viel Spielraum. (…) Deshalb bildet sich im Zuge der Evolution von Codierungen eine Zusatzsemantik von Kriterien, die festlegen, unter welchen Bedingungen die Zuteilung des positiven bzw. negativen Wertes richtig erfolgt. Wir werden diese Konditionierungen »Programme« nennen." (362) Daraus folgt eine weitere wichtige Unterscheidung; die Differenz von fixiertem Präferenzcode und variablen Konditionierungen, den Programmen.

Der Positivwert des Codes fungiert als Präferenz, als Symbol für Anschlussfähigkeit. Gleichzeitig funktioniert er auch als Legitimation für den Gebrauch des Codes selbst. In diesem Sinne steht auch der letzte Satz dieses Absatzes auf Seite 369; „Denn wo käme man hin, wenn man bestreiten würde, daß man nicht das Recht hat, zwischen Recht und Unrecht zu Unterscheiden!“

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