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Alles könnte auch anders sein. Wie ist dann aber noch kritisches Denken oder Hinterfragen möglich? Mit dieser Frage haben sich Gunther Gebhard, Stefan Meißner, Steffen Schröter auseinandergesetzt und versucht, Möglichkeiten der Kritik an z.B. der Gesellschaft zu äußern. In einer ersten Auseinandersetzung damit, wird anhand der Untersuchungen dieser drei Wissenschaftler versucht, die Kritik in die Theorie Niklas Luhmanns einzuordnen (weitere Quellen sollen noch folgen, Nachprüfbarkeit in den Werken Niklas Luhmanns).

Ausgangspunkt (Mannheim)Bearbeiten

"Kritik, und dies trifft wohl nicht nur auf die alltags- oder umgangssprachliche Bedeutung zu, lässt sich ganz allgemein beschreiben als ein Wissen, dass etwas fehlt, dass etwas nicht ist, wie es sein sollte, dass etwas imperfekt ist. Kritik wäre insofern sowohl mit einer Haltung – dem Gestus der Negativität – verbunden als auch mit einem Urteil." (S. 1)

Kontingenz: " Wenn Kontingenz als „jene zweiseitige Unbestimmtheit, in der die Bestände der Wirklichkeit weder notwendig noch unmöglich, sondern auch anders möglich sind – und zwar nicht nur in dem Sinne, daß sie veränderlich und also zufällig, sondern auch in dem Sinne, daß sie veränderbar und folglich manipulierbar sind“ (Makropoulos 2003: 158), gefasst wird, dann wird Gesellschaft in diesem Moment kontingent." (S. 2)

Dabei beschreiben die Autoren, wie dieses "Dilemma" versucht wurde zu lösen:

  1. "Zum ersten die Utopien als Vorstellungen der vollkommenen Gesellschaft." (S. 2)
  2. "Zu nennen sind zweitens die geschichtsphilosophischen Gesellschaftstheorien: Auch diese ließen sich als Utopien bezeichnen, denn ihre Finalisierung auf einen Telos hin bedeutet immer, dass in dem jeweiligen Ende der Geschichte – sei es Hegels letzte Synthese oder Marx’ Kommunismus – das die gesamte Theorie stützende und legitimierende Prinzip (Entwicklung) außer Kraft gesetzt wird." (S. 2)
  3. "Davon ließe sich drittens ein Kritikkonzept unterscheiden, das Honneth Rekonstruktion nennt, wobei dieses „nicht viel anderes als das [bezeichnet], was einmal ‚immanente‘ Kritik genannt wurde“ (Honneth 2000: 731). Zu diesem Modell gehört auch der Ansatz der Kritischen Theorie, die es sich zum Grundsatz machte, dass „die zur Kritik herangezogenen Normen oder Prinzipien nur solche sein [durften], die in der historischen Wirklichkeit selber in irgendeiner Weise verankert waren“. (S. 3)

Alle diese Kritik-Konzepte verweisen jedoch auf etwas, das als richtig oder wahr vorausgesetzt werden muss. Die sog. Werturteilsfreiheit bleibt auf der Strecke, da Utopien, geschichtsphilosophische G.-Theorien, als auch immanente Kritik ständig Stellung beziehen muss. Diese ist als normativ zu betrachten. Daraus schlussfolgern die Autoren: ". Insofern ist Kritik in diesem Sinne auf ein Reflexionsdefizit – das selbstverständlich erst von einem Beobachter gesehen werden kann – angewiesen, das es erlaubt, den kontingenten Charakter des normativen Bezugs bzw. der Geltung auszublenden." (zu disktuieren: Erwartungen, doppelte Kontingenz)

Karl Mannheim: "Unter dem Begriff der ‚totalen Ideologie‘ wird in ihr Erkenntnis subsumiert, dass das jeweilige Denken, die jeweilige Wahrheit abhängig ist von bestimmten historisch-sozialen Bedingungen, kondensiert in einem spezifischen ‚Weltwollen‘ und vermittelt über 'Denkstile'." (S. 271)

Theorie sozialer SystemeBearbeiten

Was kann innerhalb der Theorie Niklas Luhmanns als Kritik möglich sein? Die Autoren stellen zu Beginn die Thesen auf, "dass dass Luhmann seine Soziologie als eine kritische entwickelt, dass dies jedoch mit einer Verschiebung der inhaltlichen Bestimmung dessen einhergeht, was Kritik sein soll." (S. 272 ff).

"Dem entsprechend wird (Gesellschafts-)Kritik bei Luhmann nicht mehr als Fundamentalkritik und Suche nach der anderen Gesellschaft konzipiert, sondern als Perspektiv- und Aufmerksamkeitsverschiebung." (S. 273)

"Dabei zeigt sich bei Luhmann Kritik als Voraussetzung für ‚operative Aufklärung‘, während Kritik bei Fou-
cault als Vollzug seines aufklärerischen Programms verstanden wird
[...]" (S. 273)

  • operative Aufklärung?

"Aufklärung im Sinne einer Vernunftaufklärung stellte sich die Aufgabe, Latenzen aufzudecken. Mit der Beobachtertheorie kann nun jedoch gesehen werden, dass für das Aufdecken von Latenzen selbst wieder Laten-
zen konstitutiv sind. Denn jede Beschreibung der Welt bzw. der Gesellschaft baut auf dem blinden Fleck der Beobachterunterscheidung auf, welcher (in der Beobachtung) notwendigerweise latent bleiben muss.
" (S. 273) Ein Beobachter ist nicht in der Lage zu beobachten, was nicht beobachtet (unterschieden und bezeichnet) wird. Auch der Beobachter zweiter und dritter Ordnung stecken nun in diesem Dilemma.

"In Luhmanns Konzeption der Beobachtertheorie wird also Latenz als Notwendigkeit von Beobachtung mit eingebaut [...]" (S. 273)

"Luhmann plädiert dafür, Soziologie und Aufklärung nicht als „unvergleichbare, unvereinbare Geisteshaltungen“ nebeneinander stehen zu lassen, sondern ihr Verhältnis (neu) zu bestimmen. Soziologie sei gerade „der Versuch, der Aufklärung ihre Grenzen zu gewinnen“ (Luhmann 2005: 85)." (S. 274)

"Aufklärung, und das ist für ihn abgeklärte Aufklärung, besteht – kurz gesagt – nicht im naiven Glauben an mehr Freiheit durch mehr Optionen, sondern 'Aufklärung ist der geschichtliche Prozess, der sich bemüht, die Möglichkeiten der Welt dem Erleben und Handeln als Sinn zugänglich zu machen' (ebd.: 94)." (S. 274)

Die Autoren setzen sich anschließend an diese Überlegungen damit auseinander, wie das Problem der Latenz bei Foucault aufgegriffen wurde. Anhand der Unmöglichkeit einer Leitwissenschaft, die in irgendeiner Art Wahrheiten postuliert und das schöne Leben vorbereitet, stellen sie nun die System/Umwelt- Differenz deutlicher hervor: "Bei Luhmann gibt es nun nicht nur keine Leitwissenschaft, sondern auch kein Leitsystem, kein gesellschaftliches Führungssystem mehr. Die Gesellschaft ist damit nicht nur für psychische Systeme (die in der Umwelt der sozialen Systeme sind), sondern auch für die Funktionssysteme selbst unverfügbar. Alle gesellschaftlichen Teilsysteme operieren, wie es der späte Luhmann konzipiert, autopoietisch und selbstreferenziell." (S. 278)

Wissenschaft und KritikBearbeiten

"Zunächst kann man sehen, dass Kritik für das Teilsystem Wissenschaft nicht nur funktional, sondern geradezu konstitutiv ist: „[I]m Falle der Wahrheit [ist], weil hier der Code Geltung auf universelle Anerkennung durch jedermann stützt […], jede Kommunikation auf Kritik, also Ablehnung, also Konflikt angewiesen." (S. 278)

"Insofern ist Kritik hier ein Operationsmodus der Autopoiesis des Wissenschaftssystems; sie bezieht
sich auf Kommunikationen im System, also auf andere Theorien, und ermöglicht Anschlüsse für weitere Kommunikationen.
" (S. 278)

Beobachter 1. Ordnung: Luhmann beschreibt die Frankfurter Schule und die kritische Soziologie, als eine Theorieschule die die Beobachter-position 1. Ordnung einnehmen würde. "Zwar lässt sich auch dieser Kritikmodus als (für Gesellschaft) funktional beschreiben – im Sinne der Produktion anschlussfähiger Kommunikationen [...] (S. 279), aber die Autoren betonen, dass das für eine (Beobachtungs-)Wissenschaft nicht ausreichend sei.

"Luhmanns Lösung (im Sinne von Entparadoxierung) des Problems ist dann auch dezidierter und zieht die Konsequenzen aus der Erfahrung des Beobachters zweiter Ordnung, der weiß, dass seine Unterscheidungen kontingent sind: „Ein Beobachter zweiter Ordnung sieht von Kritik ab“ (Luhmann 2002: 163). Wenn Soziologie (oder Theorie allgemein) sich auf Beobachtungen zweiter Ordnung umstellt, sie also Kritiker beim Kritisieren beobachtet, wird deutlich, dass die normativen Maßstäbe sozial und historisch bedingte Konstruktionen, also kontingente Setzungen sind." (S. 279)

Wie ist nun aber in der Beobachtungswissenschaft Soziologie Kritik möglich, wenn ein Beobachter 2. Ordnung auf Kritik verzichten müsse? Dazu:

"Ganz im Sinne „operativer Aufklärung“ kann eine „kritische Soziologie“ aus der Position eines Beobachters zweiter Ordnung „Latenzen, Ideologien, Vordergründigkeiten und Sichtunmöglichkeiten der gesellschaftlichen
Selbstbeobachtung“ beobachten, sie kann sehen, dass „die Strukturen des Gesellschaftssystems zu
kaum erträglichen Folgen führen
“. (S. 279)

Es wäre also Aufgabe einer (Beobachtungs-) Wissenschaft (Soziologie?!) die Selbstbeobachtung/Selbstbeschreibung der Gesellschaft zu untersuchen, anstatt innerhalb der Beobachter-Position erster Ordnung zu verharren und vermeintliche Lösungsvorschläge zu offerieren.

Fazit der AutorenBearbeiten

"Damit lassen sich drei Aussagen Luhmanns in Sachen Kritik zusammenfassen. Einmal die Beobachtung der Kritik als konstitutiver Operation im autopoietischen System Wissenschaft, die insofern ‚pure‘ Selbstreferenz darstellt. Zweitens eine strikte Ablehnung des Kritikbegriffs der Frankfurter Schule, der auf Besserwissen ziele. Drittens – und dies wäre eine im Luhmannschen Sinne soziologische Kritik – eine Kritik als Operation innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie." (S. 280)

"Insofern ist es dann nur konsequent, dass Luhmann zunächst Kritik als Einheit der Unterscheidung von Unterscheiden und Urteilen zugunsten von Beobachtung als Einheit der Unterscheidung von Unterscheiden und Bezeichnen verwirft, um Kritik dann als Möglichkeit differenter Beobachtung(en) wieder einzuführen." (S. 280)

"‚Operative Aufklärung‘ im Sinne Luhmanns bedarf eines mehr oder minder festen Rahmens, in dem operiert werden kann, auch wenn dieser nur im jeweiligen Moment des Operierens sichtbar wird. Denn nur innerhalb eines solchen Rahmens können gesellschaftliche Probleme via Beobachtung konstruiert werden und, wenn sie beobachtet worden sind, eine Bearbeitung erfahren [...]" (S. 282)

  • Etwas will kritisiert werden durch den Beobachter (Rahmen)
  • Operation: Kritik-Kommunikation als Sichtbarmachung der Operation Kritisieren
  • Problemkonstruktion durch Beobachtung, woran Kritik angeschlossen werden kann.

"Kurz: Kritik ist eine Operation der Aufmerksamkeitsverschiebung, zur Sichtbarmachung von Problempunkten oder -feldern." (S. 282)

Literatur:Bearbeiten

Kritik der Gesellschaft? Anschlüsse bei Luhmann und Foucault. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 35, Heft 4, August 2006, S. 269–285; Lucius & Lucius Verlag Stuttgart

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